„Vergangene Zukunft“

Die welthistorisch-ganzheitliche Bedeutung des Islam

Referent: Ibrahim Bahçi

Muslimische Studenten in Aachen

Vergange_Zukunft02Die Hochschulgruppe kümmert sich um die Bedürfnisse muslimischer Studenten an den Aachener Hochschulen. Am Donnerstagabend, dem 4. Dezember, veranstaltete der Muslimische Studierenden- und Akademikerbund Aachen (kurz: MUSAB Aachen) im Humboldt-Haus der RWTH Aachen ein Seminar mit dem Thema „Vergangene Zukunft – Die welthistorische, ganzheitliche Bedeutung des Islam“ mit dem Referenten İbrahim Bahçi von der Universität Münster. Gleich zu Beginn übermittelte er die Botschaft des Abends: „Die Veränderungen in der allgemeinen Wahrnehmung der Geschichte zeichnet im Vergleich zu der gesamten Menschheitsgeschichte nur einen sehr kleinen Teil aus. Lange Zeit war die islamische Welt das Zentrum des Bestehens“. In diesem Vortrag stellte İbrahim Bahçi die Stellung und den Wandel des Islam in der Weltgeschichte dar.

Die Frage, wie die Wirkung des aufkommenden Islam und ihre Wichtigkeit für die Menschheit ausgesehen hat, zeigt sich zu allererst in seiner Hauptquelle, dem Koran – Er ist reich an Beispielen aus der Menschheitsgeschichte. Aus den Fehlern der Vergangenheit soll der Mensch lernen. Alle Götzen, sowohl die weltlichen, aber auch die gedanklichen, die im Laufe der Zeit in den verschiedenen Zivilisationen aufgetaucht sind, sollten abgelehnt werden. Diese Einstellung habe mit dem Aufstieg des Islam und seiner Verbreitung in der Welt funktioniert, gleichzeitig habe er auch andere Völker, wie beispielsweise die chinesische, persische, europäische, indische und afrikanische Kultur maßgeblich beeinflusst und bereichert. Erst mit dem Aufkommen des Islam sei es überhaupt zu der Entwicklung von modernem Denken und modernen Begriffen, wie Wissenschaft, Humanismus, Aufklärung gekommen, die in den zuvor maßgeblichen Kulturen verpönt waren. Allerdings seien diese Begriffe, so erklärte Bahçi, von ihren eigentlichen, islamischen Quellen, die sie gespeist hatten, in eine andere, nicht mehr mit den Ursprüngen vereinbare Richtung umgelenkt worden.

Obwohl das islamische Bestehen so erfolgreich und allgemein bedeutsam war, kam es trotzdem spätestens mit dem Untergang des Osmanischen Reichs zum endgültigen Abstieg, was die weltliche Macht anging. Nichtsdestotrotz ist die Botschaft des Islam für das menschliche Sein und für das Leben nach dem Tod unumstritten. Mit dem Anbruch der Moderne und dem Wiederaufflammen der Frage und der Suche nach dem Sinn des Lebens bemerkt Friedrich Nietzsche in seinem ‚Antichrist‘: „Die Kreuzritter bekämpften später etwas, vor dem sich in den Staub zu legen ihnen besser angestanden hätte, eine Kultur, gegen die sich selbst unser neunzehntes Jahrhundert sehr arm, sehr ‚spät‘ vorkommen dürfte“. In Anbetracht von Imperialismus, Kolonialisierung, Weltkrieg, Nuklearwaffen kritisiert İbrahim Bahçi die Überschreitungen des Menschen, die mit dem „Fortschritt“ gekommen sind. An diesem „Untergang“ des Islam sei die islamische Welt maßgeblich auch selbst verantwortlich. Die Instrumentalisierung des Islam führe schon seit Langem zur Verkümmerung der Religion zu einem Markt für Mode, Bildung und Karriere. Man müsse wissen, was der Islam bedeutet, wie der Prophet und die späteren islamischen Vorbilder gelebt haben, um so die wahre Botschaft des Islam auf das eigene Leben zu übertragen. Bahçi kam zum Ende seines Vortrags mit einem bekannten Zitat zum folgenden Fazit: „Wer nicht lebt, wie er glaubt, wird glauben, wie er lebt“.

Durch Vorträge wie diesen will der muslimische Studierenden- und Akademikerbund Aachen die muslimischen Studierenden zum Denken anregen und gesellschaftliche, sowie religiöse Themen vertiefen, für die es im mechanisierten Studienalltag sonst kein Platz mehr gibt.

Denn trotz einer immensen Zahl an muslimischen Studenten an den beiden Hochschulen, der RWTH und der FH Aachen, gab es bis heute keine umgreifende Vereinigung, die ein Gespräch untereinander und eine inhaltliche Vertiefung oder eine Vertretung nach Außen zugelassen hätte. Die Rückmeldungen der Studierenden nach den Seminaren wie diesem oder dem im November mit dem Geschichtsprofessor Ihsan Süreyya Sirma geben Aufschluss über die Situation in Aachen: Ferhat Atar, ein Masterstudent des Wirtschaftsingenieurwesens, der kurz vor seinem Abschluss steht, sagt: „Zu unserer Zeit hat es so etwas nicht gegeben. Als ich mit dem Studium begann, wusste ich nicht einmal wo ich helal essen kann oder wo es eine Moschee gibt – geschweige denn ein muslimischer Freundeskreis oder Vorträge, die mich wirklich interessieren, wie ich sie aus meiner Heimatstadt oder anderen Universitäten kenne. Ich war sehr auf mich allein gestellt.“ Auch von Seiten der Universität gibt es wenig praktische Erfahrung mit den Belangen von muslimischen Studierenden. So äußerten sich der International Office und Frau Bettina Schuppe, als Mitglied der zentralen Hochschulverwaltung und Veranstalterin der Orientierungstage für ausländische Studierende, hocherfreut über die Unterstützung durch den MUSAB. Der Informationsstand des MUSAB traf an beiden Terminen der Orientierungstage auf reges Interesse, geknüpfte Kontakte sind bis heute geblieben – die Nachfrage ist groß.Vergange_Zukunft03

Mit den innerdeutschen muslimischen Studierenden finden auch viele ausländische Studierende aus muslimisch geprägten Ländern, wie Pakistan, Indonesien und arabischen Ländern auf dieser Plattform bei türkisch-, deutsch- und englischsprachigen Programmen zusammen. Die Aktivitäten des Vereins sind weit gefächert: Jede Woche finden in der Eyüp Sultan Moschee in Aachen für Studentinnen und Studenten an getrennten Tagen Gesprächszirkel (Sohbet) auf Deutsch statt, mit anschließendem gemeinsamen Essen. Darüber hinaus werden Persönlichkeiten eingeladen, die die Studenten mit ihren Vorträgen über religiöse und gesellschaftliche Themen weiterbringen. Eine Nachhilfe von Studenten für Schüler ist auch ein festes Programm des MUSAB, um einerseits die Leistungen der Schüler in der Schule zu verbessern, aber auch insbesondere das Verantwortungsbewusstsein der Studenten zu stärken. Des Weiteren führt der Verein zu jedem Wintersemester eine Einführungsveranstaltung durch, um muslimischen Neuanfängern die Stadt näherzubringen, Moscheen und Einkaufsmöglichkeiten gemeinsam zu erkunden.

Hakan Polat, der Vorsitzende des MUSAB, erklärt das Ziel des Vereins mit der folgenden Aussage: „um das Wohlgefallen Allahs zu erreichen, tragen wir unseren Teil dazu bei, das Leben und Studieren der muslimischen Studenten in Aachen zu erleichtern, sowie ihr Bewusstsein und ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen zu stärken“. Gleichzeitig bemerkt er, dass die muslimischen Studierenden und der MUSAB „noch einen langen Weg zu bestreiten haben“, diese Aufgaben aber mit der Zeit und gemeinsam mit der Universität angegangen würden. Als eingetragene Hochschulgruppe ist der Muslimische Studierenden- und Akademikerbund auf dem Weg dahin, ein Wegbegleiter und Sprachrohr muslimischer Studenten in Aachen und eine Schnittstelle für das Gespräch mit der Universität und anderen Vereinen zu sein. Es scheint, als habe die Landschaft der muslimischen Studierenden in Aachen mit dem MUSAB – anknüpfend an die bekannte Bilal–Moschee und ihrer Aktivitäten – nun einen neuen, schon lange hinfälligen Stützfeiler erhalten, auf dem die Universität und vor Allem die muslimische Studierendenschaft bauen kann.

– Bünyamin Nurkan

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